
Wie kann die Rehabilitation psychisch erkrankter Menschen weiterentwickelt werden – fachlich hochwertig, individuell und zugleich unter zunehmend herausfordernden Rahmenbedingungen?
Beim RPK-Fachtag 2026 in Münster kamen Vertreter:innen bundesweiter regionaler RPK-Einrichtungen und Leistungsträgern zusammen, um genau darüber miteinander ins Gespräch zu kommen. Im Mittelpunkt stand dabei immer wieder eine gemeinsame Überzeugung: Gute Rehabilitation gelingt vor allem dann, wenn alle Beteiligten miteinander statt nebeneinander arbeiten.
Unter dem Titel „Transformation RPK: Notwendiges gemeinsam gestaltet“ veranstaltete die Gemeinnützige FSP GmbH gemeinsam mit der BAG RPK e.V. am 16. September den RPK-Fachtag in Münster. Das Programm verband fachliche Impulse mit Diskussionen und vier Workshops, in denen Vertreter:innen von Einrichtungen und Leistungsträgern ihre unterschiedlichen Perspektiven zusammenbrachten.
Bereits in den Grußworten von Dr. Klaus Keller Vorstand der BAG RPK e. V., Münsters stellvertretender Bürgermeisterin Angela Stähler, FSP-Geschäftsführer Jörg Barlsen und Nina Boes, Leiterin der Abteilung für Rehabilitation der Deutschen Rentenversicherung Westfalen, wurde deutlich, wie wichtig der gemeinsame Austausch angesichts der aktuellen Herausforderungen ist.
Nina Boes machte dabei unter anderem auf den wachsenden Bedarf an Unterstützungsangeboten für Menschen mit psychischen Erkrankungen aufmerksam. Rehabilitation und Prävention seien nicht allein als Kostenfaktoren zu betrachten. Vielmehr gehe es darum, Menschen dabei zu unterstützen, am gesellschaftlichen und beruflichen Leben teilzuhaben und ein langfristiges Ausscheiden aus dem Erwerbsleben möglichst zu verhindern.
Ein zentraler Gedanke zog sich dabei durch den gesamten Fachtag: Weiterentwicklung braucht Zusammenarbeit. Unterschiedliche Zuständigkeiten, gesetzliche Rahmenbedingungen und Interessen werden nicht verschwinden. Umso wichtiger sind ein kontinuierlicher Dialog, gegenseitiges Verständnis und der gemeinsame Blick auf die Menschen, für die Rehabilitation gestaltet wird.
Prof. Dr. Hugo Mennemann von der FH Münster setzte mit seinem Vortrag „Care Management – notwendige Antwort auf Individualisierung und Komplexität“ einen fachlichen Impuls. Einleitend zog er einen Bogen von der Aufklärung bis heute, um die Ursprünge der Individualisierung aufzuzeigen und die Gründe für die heutige Komplexität in unserer Gesellschaft zu erläutern. Im Care Management werden Antworten gefunden. Eine der wichtigsten Lösungen ist eine weitere Vernetzung des Versorgungssystems mit einer personenzentrierten Hilfeform. Dabei ist der Netzwerkaufbau zwischen Sozialleistungsträgern, -erbringern und -berechtigten von hoher Relevanz.
Anschließend zeigte Joachim Fahnemann, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Ahlen-Münster, in seinem Vortrag mit dem Titel „Chancen nutzen durch Zusammenarbeit – Vernetzte hybride Beratung“ welche Wege in der Agentur für Arbeit beschritten wurden, um der Komplexität in den Hilfesystemen pragmatisch, personenzentriert und kosteneffizient zu begegnen. Er präsentierte anschaulich, wie durch konsequente Nutzung digitaler Vernetzung die individuellen Bedarfe, Konstellationen und Anliegen von Klient:innen und Arbeitssuchenden multiprofessionell und institutsübergreifend schneller und mit einem besseren Informationsfluss bearbeitet werden können. Er betonte, dass das Projekt zur „Vernetzten hybriden Beratung“ jetzt schon sehr erfolgreich umgesetzt werde und gleichzeitig von einer stetigen Weiterentwicklung und Erweiterung um weitere Akteur:innen geprägt sei.
Damit waren zwei Themen gesetzt, die sich auch in den späteren Diskussionen wiederfanden: Die Lebenssituationen von Rehabilitand:innen sind komplex und lassen sich häufig nicht mit standardisierten Lösungen beantworten. Gleichzeitig treffen im Rehabilitationsprozess unterschiedliche Systeme, Zuständigkeiten und fachliche Perspektiven aufeinander.
Gerade deshalb braucht es verlässliche Netzwerke und eine Kommunikation, die institutionelle Grenzen überwindet.
Am Nachmittag wurde die Diskussion in vier Workshops vertieft. Betrachtet wurden die RPK-Komplexleistung aus Sicht der Deutschen Rentenversicherung, die Anforderungen an die berufliche Phase aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit sowie die Perspektive der Krankenkassen. Ein vierter Workshop beschäftigte sich mit der Frage, wie Übergänge innerhalb einer RPK anhand geeigneter Kriterien zum richtigen Zeitpunkt gestaltet werden können.
In den anschließenden Zusammenfassungen zeigte sich, dass Einrichtungen und Leistungsträger viele gemeinsame Ziele verfolgen – auch wenn ihre jeweiligen Bewertungsmaßstäbe und Rahmenbedingungen unterschiedlich sein können.
Ein wiederkehrendes Thema waren die regional und trägerspezifisch unterschiedlichen Verfahren. Entscheidungen, Möglichkeiten der Verlängerung, Nachsorgeangebote oder die Präsenz und Erreichbarkeit von Ansprechpartner:innen können sich unterscheiden. Für die Einrichtungen erschwert dies teilweise die Planung und Begleitung individueller Rehabilitationsverläufe.
Gleichzeitig wurde deutlich, wie viel sich bereits durch direkten Austausch erreichen lässt. Persönliche Kontakte, gegenseitige Einblicke in die Arbeitsweisen und auch ein bewusster Perspektivwechsel können dazu beitragen, die Anforderungen des jeweils anderen besser zu verstehen.
Intensiv diskutiert wurde auch die Frage, woran erfolgreiche Rehabilitation gemessen werden sollte.
Die Integration in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bleibt ein wichtiges Ziel. Gleichzeitig lässt sich die Entwicklung eines Menschen nicht ausschließlich durch eine Integrationsquote abbilden. Auch ein individueller Fortschritt, eine neu entwickelte berufliche Perspektive oder die Vorbereitung auf einen nächsten Rehabilitationsschritt können wichtige Ergebnisse sein.
Dabei wurde auch die Rehabilitation älterer Menschen thematisiert. Aus Sicht der Bundesagentur für Arbeit wurde in der Diskussion betont, dass es keine grundsätzliche Altersgrenze für eine Förderung gebe. Entscheidend sei vielmehr die individuelle Situation des Menschen.
Gerade diese Einzelfallorientierung zeigte zugleich ein Spannungsfeld des Fachtages: Pragmatische Lösungen müssen innerhalb rechtlicher und institutioneller Rahmenbedingungen möglich sein. Was für einen einzelnen Menschen fachlich sinnvoll erscheint, muss zugleich mit gesetzlichen Vorgaben, Weisungen und Zuständigkeiten vereinbar sein.
Über die unterschiedlichen Workshops hinweg zeichnete sich ein gemeinsamer Anspruch ab: Ausgangspunkt der Rehabilitation sollte der einzelne Mensch mit seinen Fähigkeiten, Bedarfen und Entwicklungsmöglichkeiten sein.
Multiprofessionelle Zusammenarbeit, klare Verantwortungswege, verlässliche Übergänge sowie regionale Vernetzung wurden als wichtige Qualitätsmerkmale hervorgehoben. Gleichzeitig stellen Fachkräftemangel und Nachwuchsgewinnung die Einrichtungen vor zusätzliche Herausforderungen.
Besonders anschaulich wurde im Verlauf des Fachtages beschrieben, wie individuell erfolgreiche Rehabilitation sein kann. Menschen bringen unterschiedliche Lebensgeschichten, Fähigkeiten und Einschränkungen mit. Deshalb können auch ungewöhnliche oder sehr individuelle Lösungen notwendig sein. Entscheidend ist nicht allein die Frage, was ein Mensch aktuell nicht kann, sondern vor allem, welche Fähigkeiten vorhanden sind und welche Entwicklung möglich werden kann.
Der von der Gemeinnützigen FSP GmbH Münster moderierte vierte Workshop beschäftigte sich unter dem Titel „Im richtigen Moment: Kriteriengeleitete Übergänge in der RPK?“ mit einer besonders wichtigen Schnittstelle.
Diskutiert wurde die Hypothese, ob stärker kriterienorientierte Entscheidungen Übergänge transparenter gestalten und möglicherweise auch Rehabilitationsverläufe Verbessern und verkürzen können. Dabei zeigte sich, dass zusätzliche Kriterien durchaus hilfreich sein könnten – allerdings nur, wenn sie der Komplexität der individuellen Situationen gerecht werden.
Solche Kriterien könnten Entscheidungen nachvollziehbarer machen und Teams bei schwierigen Übergangs- oder Abschlussentscheidungen unterstützen. Zugleich wurde deutlich, dass dieses Aufgrund der Komplexität weiter vertieft werden sollte und sich beispielsweise für einen fortgesetzten Austausch zwischen den Einrichtungen auf Ebene der BAG RPK e.V. oder in einer gesonderten Arbeitsgruppe eignet. Kommunikation auf Augenhöhe
Eine der deutlichsten Botschaften des Tages war schließlich erstaunlich einfach: miteinander reden.
Leistungsträger und Leistungserbringer arbeiten unter unterschiedlichen Voraussetzungen und übernehmen unterschiedliche Aufgaben. Das muss kein Hindernis sein, wenn die jeweiligen Perspektiven transparent gemacht und Probleme offen angesprochen werden.
Dazu gehört auch, unterschiedliche Auffassungen auszuhalten. Zusammenarbeit bedeutet nicht, in jeder Frage derselben Meinung zu sein. Vielmehr braucht es die Bereitschaft, fachliche Unterschiede offen zu diskutieren und gemeinsam nach Lösungen zu suchen.
In seinem letzten offiziellen Vortrag vor dem Eintritt in den Ruhestand blickte Norbert Gödecker-Geenen von der DRV Westfalen auf die langjährige Zusammenarbeit mit den RPK-Einrichtungen zurück. Im Mittelpunkt standen für ihn die individuellen Fähigkeiten und Entwicklungsmöglichkeiten der Rehabilitand:innen sowie die Erkenntnis, dass psychische Erkrankungen und komplexe Lebenssituationen individuelle Lösungen erfordern. Als entscheidend für eine erfolgreiche Weiterentwicklung der RPK hob er vor allem Kommunikation, gegenseitiges Verständnis, regionale Netzwerke und die Zusammenarbeit auf Augenhöhe zwischen Einrichtungen und Leistungsträgern hervor.
Zum Abschluss würdigten Jörg Barlsen und Sandra Kühn von der Leitung des Reha-Zentrums Münster seine langjährige Zusammenarbeit mit den Einrichtungen und seinen persönlichen Beitrag zur Weiterentwicklung der RPK. Mit einem kleinen Dankeschön verabschiedeten sie ihn in den Ruhestand.
Der RPK-Fachtag 2026 zeigte, dass die kommenden Herausforderungen groß sind: steigende und komplexer werdende Bedarfe, Fachkräftemangel, unterschiedliche Zuständigkeiten, begrenzte finanzielle Ressourcen und rechtliche Rahmenbedingungen treffen auf den Anspruch, jedem Menschen eine möglichst individuelle Rehabilitation und gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.
Gerade deshalb war der Fachtag mehr als eine Reihe von Vorträgen. Er bot einen Raum, in dem Einrichtungen, Rentenversicherung, Bundesagentur für Arbeit und Krankenkassen unterschiedliche Perspektiven offen miteinander diskutieren konnten.
„Transformation RPK: Notwendiges gemeinsam gestalten“ war damit nicht nur der Titel des Fachtages, sondern auch seine zentrale Botschaft: Die Weiterentwicklung der RPK kann nur gemeinsam gelingen.

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