„Wenn nichts mehr geht – Krisen und Krisenbewältigung“: Vierter Tag der seelischen Gesundheit in Münster

FSP: Internationaler Tag der seelischen Gesundheit
v.l.n.r.: Ulrich Hohenbrink, Annemarie Stückenschneider, Manuel Stein, Dr. Thomas Reker, Petra Karallus

Hunderte Besucher informierten sich am 6. Oktober an einem Infomarkt mit 16 Anbietern für Krisenhilfen. Viele von ihnen nutzten spontan die Gelegenheit, als sie am benachbarten Wochenmarkt am Domplatz darauf aufmerksam gemacht wurden.

„Stellen sie sich vor, sie wären ihr Smartphone“ – so verdeutlichte der Psychotherapeut Manuel Stein im Vortragsprogramm, wie man die Zeichen einer seelischen Krise erkennt: „Wenn der Akku nur noch 15 Prozent hat, dann leuchten Warnzeichen auf. Die Aufgaben, die das Handy sonst schnell erledigt, gehen plötzlich viel langsamer. Es wird höchste Zeit, das Ladekabel anzuschließen!“ Man müsse lernen, die Warnzeichen der eigenen Seele zu erkennen und sich Gelegenheit zum Aufladen zu schaffen. Besonders der Job fordere von vielen, dauerhaft 100 Prozent Leistung zu bringen, am besten sogar noch etwas mehr. In der akuten Krise sind soziale Kontakte hilfreich, aber auch das know-how, ein Problem mit System anzugehen – zum Beispiel indem man sich ein Bild der eigenen Lage aufzeichnet. Wenn die eigenen Ressourcen nicht reichen, ist Hilfe vom Fachmann gefragt: „Auch in seelischen Notfällen kann man die 112 anrufen“ so Manuel Stein.
Vortrag »Krise und Entwicklung« als PDF-Datei (340 KB)

Der Direktor der LWL-Klinik Münster, Prof. Dr. Thomas Reker, sprach in seinem Vortrag die größten Mythen in Bezug auf Selbsttötungen an: Einige verbreitete Meinungen seien völlig falsch, zum Beispiel, dass man über Selbsttötungen nicht reden solle, um „keine schlafenden Hunde zu wecken“. Das Gegenteil sei richtig – es sei immer sinnvoll, mit Menschen in Krisensituationen auch darüber zu sprechen, um dann gemeinsam nach Hilfen zu suchen. Psychische Erkrankungen gelten als das stärkste Risiko für eine suizidale Krise. „Bei suizidalen Krisen ist eine sorgfältige Diagnose besonders wichtig“ sagt Prof. Dr. Thomas Reker, „denn je nach Art der Krise ist ein ganz unterschiedlicher Umgang mit dem Menschen nötig.“
Vortrag »Suizidale Krisen« als PDF-Datei (860 KB)

Im dritten Vortrag kamen drei Engagierte zu Wort: die Leiterin der Krisenhilfe Münster, Petra Karallus, sowie zwei Ehrenamtliche aus der Telefon-Seelsorge Münster, Gaby Wortmann und Achim Karsten. „So, wie es jetzt ist, kann es auf keinen Fall weitergehen.“ Diesen Satz hörten die Mitarbeiter/innen der Telefonseelsorge oft. „Das Thema Suizid ist bei uns allgegenwärtig“ sagt Petra Karallus, Leiterin der Krisenhilfe Münster. „Unsere Ehrenamtlichen sind umfangreich dafür ausgebildet, um damit umzugehen.“ Bei der Telefonseelsorge finde man immer einen Menschen, der einem zuhört. Bei der Krisenhilfe gebe es innerhalb von 24 Stunden immer einen Termin für ein persönliches Gespräch: kostenlos und ohne Versicherungskarte. „Wir sind eine Notfall-Einrichtungen für alle Krisen, ob wegen Trennung, wegen Erziehungskrisen oder bei plötzlicher Arbeitslosigkeit.“ Wichtig sei dieses Angebot besonders für Menschen, die nach einem Suizid in ihrem Umfeld Schuldgefühle haben und sich selbst schwere Vorwürfe machen. „Das Ehrenamt hat dabei oft mehr Zeit zur Verfügung als Hauptamtliche, um mit den Menschen eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen“, so Karallus. Die Zeit wird zum Beispiel genutzt, um Trauergruppen für Menschen anzubieten – selbst wenn der Verlust des geliebten Menschen schon viele Jahre zurückliegt.

Der Veranstalter FSP - Für Soziale Teilhabe und Psychische Gesundheit e.V. Münster - realisiert den Tag der seelischen Gesundheit in Münster seit 2015 in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis medizinische Prävention der Initiative Münster - Allianz für Wissenschaft, dem Bündnis gegen Depression, der Initiative Frauenmedizin in Klinik und Praxis e.V. und dem PsychotherapeutInnen- Netzwerk Münster und Münsterland e.V.

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